Die wilden 70er ...

Bei Michael, einem Mitschüler aus meiner Klasse, hatte ich zum ersten Mal einen Partykeller gesehen. Eine alte Waschküsche, tapeziert mit Eierkartons und vielen Postern. Hier trafen sich die Jungs mit ihren Mädchen, rauchten, tranken und hörten laute Rockmusik, ohne daß sich einer daran störte. Ich war so beeindruckt, daß ich fortan von der Idee besessen war, für mich und meine Freunde auch so einen Keller haben zu wollen. Die Verwirklichung gestaltete sich aber alles andere als einfach, da unsere Waschküche noch genutzt wurde. Wir hatten zwar schon zwei Kellerräume, die aber zu einem als Werkzeugraum und zum anderen als Hobbyraum von meinem Vater genutzt wurden. Er frönte hier seinem Hobby und schnitt und vertonte seine Super-8 Filme. Ich besaß zwar ein eigenes Zimmer, dass aber meist bei Besuch als Esszimmer herhalten mußte. Folglich mußte immer alles aufgeräumt sein und von Poster an den Wänden brauchte ich gar nicht anfangen bei meinen Eltern.

Ich nutzte eines Tages aber eine sonst eher schlechte Eigenart meins Vaters. So herzensgut er zu uns war, so biestiger konnte er im alkoholisiertem Zustand sein. In diesem Fall hatte er im Rausch seinen Keller zerlegt. Ich weiß bis heute nicht, warum. Jeder kennt den dicken Kopf nach einer durchzechten Nacht. Man fühlt sich elend und will nur noch in Ruhe gelassen werden. Und in genau so einem Zustand platze ich dann mit der Frage rein, ob ich nicht seinen Keller haben könne. Ich war auch bereit, jeden Monat 10 DM an ihn zu zahlen. Womit ich eigentlich nicht gerechnet hatte, geschah, und er sagte nur "Von mir aus!" Noch bevor sein Rausch ganz verflogen war, klebten schon die ersten Bahnen Alufolie an den Wänden. Aus den Überesten des Schreibtisches, der Arbeitsplatte und sonstigen Teilen baute ich eine kleine Theke. Die alte Eckbank, die hinter dem Keller stand, kam wieder zum Einsatz. Lichtorgel, Lautsprecher, bunte Lämpchen und Poster folgten, und fertig war er: der eigene Partykeller! Paps war zwar etwas angesäuert, weil ich seinen Kater schamlos ausgenutzt hatte, gab sich aber nicht die Blöße, sein Wort zurückzuziehen.

Was folgte, waren unzählig schöne Stunden und Feten mit meinen Freunden und Mädchen. Die Musik dröhnte satt aus meiner 2x7 Watt (!) Tonbandmaschine und nicht selten bruzelte es auch schon einmal in der Abzweigdose, weil 800 Watt an Lichtorgel wohl doch etwas zu stark für die alten Leitungen im Keller waren. Unser Hauseigentümer hatte auch selten gute Argumente gegen den Krach im Keller. Das lag wohl in erster Linie daran, dass seine Söhne auch bei uns mitfeierten. Eines Tages brachte die Freundin meines Kumpels Gabi mit auf eine Fete. Wow! Ich war hin und weg und führte mich - wie so oft - auf, wie der letzte Idiot, um ihr zu imponieren. "Gamma Ray" hieß das Stück von Birth Control, daß ich wie ein Wilder auf dem Kühlschrank mittrommelte, bis mir die Hände brannten. Nachts, als wir die Mädels nach Hause brachten, gab es den lang ersehnten Kuss und ich hatte meine erste Freundin! Die große Liebe dauert leider nur drei Monate, und ich litt Jahre darunter, wenn ich Gabi mit anderen Jungs sah. In der Zeit behandelte ich oft meine besten Freunde schlecht. Es kam öfter vor, dass ich auf einer Fete mitten in einem Schmusblues die allgemeine Knutscherei auflöste, die Musik abschaltete und alle rausschmiss. Gott sei Dank verziehen sie mir immer. Wir sind übrigens heute noch befreundet!

Im Jugenheim fiel der Discjockey aus. Ich ließ mich überreden, für einmal Vertretung zu machen. Das große, schwere Sennheiser Mikrofon sah ich erstmal als meinen Feind an, und ich legte nur Platten auf. Bis zur ersten Ansage dauert es noch etwas, aber dann war der Bann gebrochen. Den Leuten schien es zu gefallen und aus der einmaligen Vertretung wurden Jahre. Die schöne Zeit der Feten überstand sogar den Beginn unserer Ausbildung. Erst, als wir 1981 nach und nach zur Bundeswehr mußten, hörte es schlagartig im Jugendheim und auch im Partykeller auf.

weiter zu "Die feuchten 80er"